Januar 05, Zürcher Oberländer
Die Wirklichkeit endlich besiegt
Die Generalprobe der Gossauer Bühne mit ihrem neuen Stück "Min Fründ Harry" verlief glatt.
Die Schauspielerinnen und Schauspieler beherrschten ihren Text, waren gut in Mimik und
Gestik und überzeugten ihr gnaz kleines Publikum. Der Premiere von heute Freitagabend sollte
nichts mehr im Wege stehen.
Die rund 20 Mitglieder der Gossauer Bühne, die seit 1981 existiert, mögen eher Boulevardkomödien der feinen Art. Nach "Drei Männer im Schnee" vom letzten Jahr hätten sie sich relativ rasch auf das Stück "Harvey" von Mary Chase geeinigt, erzählt Claudia Götz, Präsidentin des Theatervereins, an der Generalprobe vom Mittwoch.
Die Darstellerinnen und Darsteller legen noch letzte Hand an: am Bühnenbild, an der Technik un ihrere eigenen Erscheinung.
Fredi Muggli, der mit "Mi Fründ Harry" sein zwölftes Stück inszeniert, macht sich während der Generalprobe Notizen, die er anschliessend it dem Ensemble bespricht. Seine Rollenbesetzung ist geglückt: Sie stimmt vollkommen. Das einst am Boadway aufgeführte Stück wurde später mit James Stewart in der Hauptrolle verfilmt.
Claudia Götz kam diesmal selber und ganz unvermittelt auf die Idee, und zwar als ein Bub ihr von Geschwistern erzählte, die er gar nicht hat. Denn in der Komödie in vier Akten geht es ebenfalls um etwas, das es gar nicht gibt. Oder doch? Denn zuletzt ist man als Zuschauer nicht mehr sicher, ob Harry wirklich nur ein Pookah, eine Geistergestalt
aus der keltischen Mythologie ist.
Eduard von Fischer, gespielt von Gody Wyss, ist ein äusserst zuvorkommender, freundlicher und höflicher Herr, der ganz gerne einen zwitschert. Wenn da nur nicht sein Spleen mit seinem Freund Harry wäre, einem weissen Hasen von fast zwei Meter Grösse, den nur er sehen kann.
In Edis Bekenntnis: "Ich habe mich jahrelang mit der Wirklichkeit herumgeschlagen und bin glücklich, sagen zu können, dass ich sie schliesslich besiegt habe" liegt der Grund für seine Liebenswürdigkeit. Das begreift auch seine Schwester Katharina Eicher (Claudia Götz). Allerdings nicht, bevor sie sich von einem Taxifahrer (Christof Hugentobler) sagen lassen muss,
dass ihr Bruder nach der geplanten psychiatrischen Behandlung nie mehr derselbe sein werde, "sondern einfach ein ganz normaler Mensch: Unzufrieden und unhöflich".
In der Klinik "Seelenfrieden"
Doch alles der Reihe nach: Katharina möchte ihre Tochter Eva-Maria (Patrizia Pinggera) in die feine Gesellschaft einführen, damit sie einen entsprechenden Mann findet. Ihr Bruder stört da, weil er allen Leuten ständig seinen Freund Harry vostellt. Ein Spinner in der Familie? Genug ist genug, findet sie und beschliesst, Eduard in die psychiatrische Klinik "Seelenfrieden" einweisen zu lassen.
Doch irgendetwas geht schief, während sie dem Assistenzarzt Willy Vogt alias Christoph Muggli Edis Krankheitszustand schilder. Als sie, mehr wiederwillig, gesteht, Harry manchmal schon sleber zu sehen, zieht der seine Fehlschlüsse: "Projektion des eigenen Fehlverhaltens auf andere." Und so behält er sie statt ihres Bruders in der Klinik.
Unterschiedungvermögen gefragt
Die Fehldiagnose tritt dann doch noch zutage, was den Klinikchef Doktor Pfeuti (Gaudenz Freuler) zur Belehrung veranlasst, Psychiater müssten unterscheiden können "zwischen Individuen, die vernünftig sind und Individuen, die nur meinen sie seien vernünftig".
In weiteren Rollen: Freundin des Hauses (Ruth Fischer), Rechtsanwalt (Hanspeter Messmer, Eleonore Pfeuti (Colette Kälin), Oberschwester (Romana Hellrigl), Pfleger (Dominic Witschi).
Wie es sich für eine Komödie gehört, endet sie glücklich. Das Stammpublikum darf sich auf eine gelungene Produktion seiner Gossauer Bühne freuen.