August 06, Zürcher Oberländer
In Gossau grassiert Theaterfieber
Die Gossauer Bühne versteht sich als Amateurbühne mit Qualitätsanspruch. Die Gossauer
Theaterleute wagen sich durchaus auch einmal an einen Klassiker - Boulevard allerdings
kommt besser an.
Vor genau einem Vierteljahrhundert, 1981, gründeten ein paar initiative, theaterhungrige Leute den Verein Gossauer Bühne. Ihr erster Präsident, Fredi Muggli, übernahm auch gleich die Regie im schon ein Jahr später im Restaurant Löwen aufgeführten ersten Stück "s'Dorffäscht" von Hand-Rudolf Stalder.
Der unerwartete Erfolg beflügelte die 25 Mitglieder des noch jungen Theatervereins, und es war keine Frage, dass man dieses neue Pflänzchen weiterpflegen wollte. Das ehrgeizige Ziel war, jedes Jahr ein Theaterstück aufzuführen. Das ist ihnen seither weitgehend gelungen. Einzig im Jahre 1998 wurde eine Spielpause eingelegt. Dafür führten sie damals an der Chilbi Gossau eine Theaterbeiz, wo die Gäste von Vereinsmitgliedern in Theaterkostümen bedient wurden.
1988 durften die Gossauer in historischen Kostümen am Festumzug zur 950-Jahr-Feier des Städtchens Grüningen teilnehmen. Anschliessend versetzten sie das Festpublikum mit dem Stück "Eine Gerichtsverhandlung über den Holzfrevel im Sennwald" ins Mittelalter.
Gossauer sind ein treues Publikum
Fredi Muggli war nicht nur ein umsichtiger Präsident, sondern auch ein versierter Regisseur, der seine Truppe von Erfolg zu Erfolg führte. Die Gossauer Bühne wurde zu einer festen Institution und ist nicht mehr aus dem Dorfleben wegzudenken. Mit dem letztjährigen Stück vollendete Fredi Muggli das Dutzend an Regiearbeiten in Gossau. Aufgrund seiner Verdienste für die Gossauer Bühne wurde ihm vor ein paar Jahren die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Aber auch unter den anderen, wechselnden Regisseuren, die jeweils aus den Spielerinnen und Spielern aus den eigenen Reihen rekrutiert wurden, hielt das stetig wachsende Publikum der Gossauer Bühne die Treue.
In den vergangenen Jahren hat sich der Qualitätsanspruch sowohl der Stücke wie auch der Spieler und Spielerinnen gesteigert. Die Stückauswahl wurde so oft zu einer Gratwanderung zwischen den Wünschen der Theatergruppe und denjenigen des Publikums. Die Gossauer Bühne versteht sich nicht als gewöhnliches Laientheater, sondern möchte ein gutes Amateurtheater sein, das zwar gehobene Boulevardkomödie spielt, aber sich durchaus auch an Klassiker heranwagt. Dass die Mitglieder dabei die Grenzen ihre eigenen schauspielerischen Fähigkeiten ausloten, aber auch erweitern möchten, ist absolut in ihrem Sinne.
Skandal um "Lysistrate"
Ein Experiment in diese Richtung wagten sie mit der algriechischen Komödie "Lysistrate" von Aristophanes. Dafür nahmen sie die Dienste des Profi-Regisseurs Pesche Brechbühl in Anspruch, der das Stück für die Gossauer Bühne ins Schweizerdeutsche übersetzte und bearbeitete. Das Arbeiten mit ihm sei ein absoluter Höhepunkt gewesen, erzählt die jetzige Präsidentin Claudia Götz. Das Auswendiglernen sei ihr noch nie so leicht gefallen.
Pesche Brechbühl verstand es, ohne Druck, aber mit psychologischem Geschick, das Ensemble dorthin zu bringen, wo er es haben wollte. Das Arbeiten mit einem erfahrenen, prominenten Fachmann war für alle Beteiligten ein nachhaltiges Erlebnis.
Mit dem Stück selbst gingen sie aber ein hohes Risiko ein. Sie hatten zwar die "Altrüti", wo seit 1991 die Aufführungen stattfinden, immer ausgebucht, weil man sich das "Skandalstück" doch ansehen wollte. Aber goutiert wurde diese Art Theater von einem beträchtlichen Teil des Publikums nicht. Fazit: Im nächsten Jahr blieb die Hälfte der Fans weg, was sich finanziell auswirkte. Erst mit dem beliebten Klassiker "Drei Männer im Schnee" von Charles Lewinsky nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner versöhnte sich das Stammpublikum mit seiner Gossauer Bühne und kam wieder in Scharen.
Weiterbildung gross geschrieben
Grossen Wert legen die Verantwortlichen der Gossauer Bühne auf die Weiterbildung ihrer Mitglieder und der Verein lässt sich dies etwas kosten. Jedes Jahr werden an einem Wochenende Kurse mit professionellen Ausbildnern in den Sparten Stimmbildung, Sprache, Improviasation und Körperschulung durchgeführt. Das jeweilige Themen-Schwergewicht wird an der jährlichen Generalversammlung festgelegt. Ebenso können sich auf Vereinskosten die Bühnen- und Beleuchtungstechniker, wie auch die Maskenbildnerin durch Kurse weiterbilden.
Selbst in der Kostümierung wird nichts dem Zufall überlassen. Mit Esther Huss, einer ausgewiesenen Kostümbildnerin aus Zürich, verbindet die Gossauer Bühne seit Jahren eine gute Zusammenarbeit. Anhand des Theaterstücks entwirft sie ein Kostümierungskonzept und nimmt bei gemieteten Kleidern auch gleich die Änderungen vor. Heutige Kleidung wird bei der Caritas gekauft und nach den Aufführungen wieder dorthin verschenkt. So wird auch noch dem sozialen Aspekt Genüge getan.
Zu Beginn der Sommerferien, nachdem die Mitglieder und ihre Rollenvorlieben bekannt sind und die Regieführung klar ist, beginnt jeweils für die Mitglieder der Stückekommission das Studium der Drehbücher. Danach wird eine Hitliste aufgestellt und dasjenige Stück mit der höchsten Punktzahl ausgewählt, wobei der Regisseur oder die Regisseurin das letzte Wort hat.
"Uf und devo" heisst's im Januar
Dieses Jahr wagt sich die Präsidentin Claudia Götz an die Regiearbeit, nachdem sie sich in einem Theaterregiekurs das nötige Rüstzeug geholt hat. Gespielt wird die englische Komödie "Uf und devo" (Birds on the Wing) von Peter Yeltham. Und wieder sind alle gefordert, ihr Bestes zu geben. Mit alle sind aber auch die hilfsbereiten und verständigen Angehörigen und Freunde gemeint, die vor und während den zehn Aufführungen unentgeltlich mithelfen. Ohne diese freiwilligen Helfer wäre es finanziell unmöglich Theaterproduktionen in diesem Rahmen durchzuführen.
Das wunderbare Premieregefühl
Was aber reizt die Theaterbesessenen überhaupt, sich diesem Zeit- und Arbeitsaufwand, dieser Nervenbelastung auszusetzen? Das Schönste am Theaterspielen ist für Claudia Götz der kurze Moment an der Premiere, wenn das Stück zu Ende ist, das Publikum noch nicht klatscht, aber die Emotionen spürbar werden. Wen dieses Gefühl einmal gepackt hae, den lasse die Theaterluft nicht mehr los.
von Irene Maier