Januar 92, Zürcher Oberländer

Rundum "Fröhliche Geister"

Keine Poltergeister oder Hausgeister machen am kommenden Samstag Gossau unsicher. Vielmehr "Fröhliche Geister" sind es, welche sich anlässlich der Theaterpremiere der Gossauer Bühne in der Altrüti niederlassen. Noël Cowards Dreiakter "Fröhliche Geister" spielt im England der zwanziger Jahre und wurde von Judith Meyer in Dialekt übersetzt.

England 1920: Grosszügig angelegte Villen, Seidenkleider und Hüte, noble Herrschaften mit Dienstpersonal, ein Hauch von Aristokratie. Im Salon ein Cheminé, antike Möbel, Spitzentischtücher und ein Grammophon. Das Dinner wird vom Dienstmädchen Edith im Esszimmer serviert. So präsentiert sich die Welt von Charly und Ruth Ammann. Er, Schriftsteller und auf der Suche nach neuem Stoff für seinen Roman, sie, seine Ehefrau. Allerdings ist es nicht seine erste Ehefrau, denn diese, Elvira, ist vor Jahren gestorben.

Die Welt scheint in Ordnung
Noch scheint die Welt in Ordnung. Einzig der Umstand eines Nachtessens mit engen Freunden, Dr. Steinegger, seiner Gemahlin sowie der sagenumworbenen Madame Simanova - Berufsmedium seit Kinderheit - war Grund genug der Harmonie ihres englischen Alltags ein Ende zu setzen. Die Suche nach dem neuen Roman wurde Charly Ammann zum Verhängnis.
Warum er zum "Werkzeug" der mental veranlagten Simonova gegriffen hat, bleibt wohl auch ihm ein Rätsel. Es löst sich aber im Verlaufe des Stücks und lässt nebst all dem fröhlichen Geist ebenfalss etwas Zeit-Geist spüren: nämlich alte Phantasien, Vorstellungen über die Existenz von geisterhaften Wesen, Leben und Tod. Gedanken, die auch in unserem Jahrhundert enthalten sind.

Jede Rollge gut besetzt
Unter der Regie von Jack Gutknecht, Winterthur, hat jede Darstellerin und jeder Darsteller seine Rolle gefunden. Das war keine leichte Sache, wenn Männer sich für einmal in der Minderheit und Frauen in der Mehrheit für ein Theaterstück interessieren. Denn nur wer sich mit seiner Rolle identifizieren kann, bringt diese zum Leben. Und allein schon der Umstand, dass es sich um Laienschauspieler handelt - zum Teil das erstemal auf der Bühne -, lässt den Zuschauer den eigenen Hang zur theatralik spüren.
Eine Aura aus Kostümen, Geräuschen, Musik, Licht, Technik und Unerwartetem wird spürbar. Theater ist sinnig: Entweder betrifft es oder eben nicht. Die Gossauer Bühne jedenfalls scheint sich immer wieder von einem Stück betroffen zu machen und lässt auch den Zuschauer nicht draussen.

von Helene Hess