Januar 94, Zürcher Oberländer

In der Mausefalle gefangen

Tatort: Festsaal "Altrüti" in Gossau. Täter: die seit 1982 bestehende Gossauer Bühne. Nach "Null Problem" im letzten Jahr bringen drei Schauspielerinnen und fünf Schauspieler englische Kriminalistik sowie schwelende und sich zuspitzende Spannung auf die Bühne. Hinter den Kulissen ist ein ebenso einsatzfähiges Aufführungsteam an der Arbeit. Versetzt wird man ins England der fünfziger Jahre. Agatha Christie leistet in der "Mausefalle" wieder einmal ganze Arbeit. Am Freitag ist Premiere.

Ort der Handlung ist Monkswell Manor in England. Ein relativ junges Paar richtet sich in einem englischen Herrensitz aus dem Mittelalter, der einemal ein Kloster war, ein. Mollie und Giles Ralston sitzen hier nicht untätig herum, sondern wollen den Unterhalt mit Pensionären verdienen. Man schreibt das Jahr 1952. Die Gäste trudeln ein. Der junge Christopher Wren, Architekt, bekommt das beste Zimmer, was ihm prompt die Eifersucht des Hausherrn einträgt. Mrs. Boyle, eine verschobene alte Dame, ist mit nichts und niemandem zufrieden. Ihr Schicksal ist in schlechten Händen. Major Metcalf dagegen ist der typische Engländer: genügsam, zufrieden schmaucht er die Pfeife. Mehr Schwung bringt die junge, rosafarben angehauchte Miss Casewell. Doch auch sie ist verklemmt, zurückhaltend und mehr oder weniger frustriert. Mr. Paravicini dagegen hat Schwung und Charme. Er ist der zufällige Gast. Alle anderen waren angemeldet.

Der Mundart gut angepasst
Un dmit dem Kennenlernen der Pesionsgäste ist man schon mitten drin im englischen Krimiklassiker. Er wurde von Horst Willems ins Deutsche übersetzt. Da die vorhandene Mundartfassung nicht auf die Zungen der Gossauer Schauspieler passte, formte das Team die Dialoge um. Sie kommen ganz spontan, sind den einzelnen Akteuren angeschneidert, werden von ihnen persönlich geprägt.
Wieder einmal hat Regisseurin Dagmar Loubier eine gute Personenwahl getroffen. Sie führt das Stück umsichtig, mit präzisen Anweisungen und mit freundschaftlichem Ton. Dort, wo sie zu wenig Augen hat, ist die Regieassistentin Helga Lütschg aufmerksam. Das grünliche und rot-rosa Bühnenbild hat Erika Roth ausnehmend gut getroffen. Mit zwei aufsteigenden Treffen markiert man weitere Stockwerke. Arkadenbögen bringen Vorraum und altehrwürdigen Glanz zum Tragen. Gebaut wurde die Bühne von Rico Caccicillani, extra für die Gossauer. Esther Huss las die farblich präis abgestimmten Kostüme aus, die Ton in Ton ins Bühnenbild passen. Für Maske und Technik sind Elisabeth Bircher und Rene Stalder zuständig.

Nicht nur die eine Maus in der Falle
Nachdem die Pensionsgäste in Monkswell Manor eingetroffen sind, taucht Sergeant Trotter auf, und die Mausefalle schnappt zu. Eingesperrt ist man witterungsbedingt. Mollie Ralston (Claudia Götz) ist die überforderte Gastgeberin. Selbst Giles, ihr Mann (Hugo Ziegler) wird im Laufe des Stücks verdächtigt, der unbekannte Killer zu sein. Die beiden Partner prägen das Stück und behaupten sich in ihren Rollen gut. Sie sind die eisernen Winkel. Doch selbst die geraten ins Wanken.
Christopher Wren (Hanspeter Messmer) hingegen ist (fast) allen Beteiligten verdächtig. Unter seinem Deckmäntelchen ist mehr als Lüge nur verborgen. Doch er ist kein langweiliger Kerl. Gespielt wird er ser lebendig und frisch. Mrs. Boyle, von Rös Glauser als schrullige ältliche Dame, keifend und zähneknirschend gerade so dargestellt, dass sie nervt, ist das Gegenstück zu Miss Casewell (Corinne Obrist), der jungen Dame. Doch sind sie schliesslich gar so verschieden? Jeder und jede hat hier etwas zu verbergen. Dazu gehören auch Major Metcalf (Gody Wyss), der in seinem breiten Berndeutsch nah an die englische Überlegenheit kommt. Auch Mr. Paravicini (Jack Lütschg), obwohl mit seinem italienischen Akzent charmant und fürs Stück wohltuend komödiantisch, lässt sich nicht hinter die Fassade blicken. Sergeant Trotter (Rene Reiser) hat es tatsächlich schwer, in seinem patriarchalisch-befehlenden Ton durchzugreifen.

Spannung muss erarbeitet werden
Das Gossauer Team spielt sichtlich gern, diesmal ist es ein Krimi. Wie bei Agatha Christie gewohnt, fliegen nicht nur Fetzen, Tote gibt es nicht haufenweise. Die Spannung im Stück muss regelrecht erarbeitet werden. Und das kann das Theaterensemble nur mit dem Publikum zusammen. Erst das Kennenlernen der einzelnen Personen und ihr Verhalten zeigen, was sich hinter dem Geschehen verbirgt. Nicht Mord und Totschlag stehen im Mittelpunkt, sondern all die unausgesprochenen Ängste, die der Vergangenheit und die der Gegenwart.
Keiner will sich selbst sein, wagt nicht zu dem zu stehen, was er ist. Das zeigen schön die verbissenen Szenen, die vielleicht erst langweilig wirken mögen. Versteinerte Minen, und keinen geht das Tun um ihn herum etwas an. Und schon gar nicht Gefühle... Erst, wenn die einzlnen Mäuse wie Nussschalen bersten, wird es menschlich. Diese Spannung zu enträtseln und die Mausefalle freizugeben, darauf kam es Agatha Christie in "The moustrap" an. Den Täter (oder die Täterin?) hier zu verraten wäre Verrat an der Bühne. Seit Sommer letzten Jahres befassen sich die Hobby-Leute mit dieser Inszenierung und freuen sich, menschliche Charakterzüge, die sowohl auf Engländer wie auch auf Schweizer zutreffen könnten, durch Theater aufzuzeigen.

von Susi Hofmann