Januar 99, Zürcher Oberländer

Klistiere und Tropfen gegen die Übel der Welt

Die Gossauer Bühne spielt in der Altrüti-Halle "De iipildet Chranki" nach Molière.
Antiker Glanz und wunderschöne Kostüme: Die Gossauer Bühne bringt Molières eingebildeten Kranken auf die Bretter. Und das natürlich in Dialektfassung. Überarbeitet wurde Peter Leus Mundarttext von der Gossauer Bühne selbst wie auch von Regisseur Fredi Muggli.


Seit 1982 spielt die Gossauer Bühne in regelmässigen Abständen und dann wieder mit einzelnen Unterbrechungen Komödien und Krimis in Mundart. Jetzt, mit der neuen Inszenierung, blickt das 20köpfige Theaterensemble in die Vergangenheit.

Lust nach einer guten Komödie
"Le malade imaginaire" stammt aus dem 17. Jahrhundert. Molière wollte die Arroganz von Doktoren und Quacksalbern seiner Epoche gehörig aufs Korn nehmen. Zu jener Zeit verordneten diese bei Unwohlsein Klistiere und Anderlass, Salben und Tropfen mit mehr oder weniger trüben Mixturen. Und das natürlich zu nicht gerade kleinen Preisen.
"Nicht die Parallelen zwischen der Medizin des 17. Jahrhunderts und jener von heute (die durchaus vorhanden sind) waren Grund für die Wahl dieses Stücks, auch nicht die Anmassung, Weltliteratur auf die Bühne zu bringen, sondern ganz einfach die Lust nach einer sehr guten Komödie", so äussert sich das Schauspielerteam.

Gotthard Wyss hat ein gewaltiges Pensum zu leisten
Er lässt sich gern bedauern, dieser angeblich sehr kranke Mann, der gar nicht so alt ist, wie er aussieht. Gotthard Wyss als Bürger Argan hat ein gewaltiges Pensum zu leisten.
Er flucht das Hausmädchen Toinette (Claudia Götz) an, verkuppelt seine Tochter Angélique (Corinne Schleh), lässt sich von seiner unehrlichen Frau Béline (Rös Glauser) umschmeicheln. Doktoren und Giftmischer (Hanspeter Derksen, Martin D. Hoch, Gaudenz Freuler sowie Jack Lütschg), ein frisch gelockter Notar (Jürg Graf) und ein junger Verehrer der Tochter (Hanspeter Messmer) treten auf. Argans Vetter Béralde (Christof Hugentobler) hat alle Mühe, den sogenannt Kranken zu den Gesunden zurückzuholen.

Effektvolle Szenenauftritte
Die Fäden in dem anspruchsvollen Stück ziehen Regisseur Fredi Muggli und Regieassistentin Helga Lütschg. Es gilt die Szenenauftritte mit effektvoller Musik zu unterstützen, den vier neu hinzugezogenen Schauspielern die nötige Sicherheit zu verleihen. Von einer stoischen Ruhe ist der Protagonist auf dem gewaltigen Krankensessel.
Am Anfang zählt er seine Batzen, bedauert sich und sein Verlassensein unaufhörlich, lässt sich von der gewitzten Toinnette erneut in Rage bringen, staucht sie, die Lebenstüchtige, zusammen, dass die Balken krachen, und sinkt schliesslich - nach einer weiteren Entleerung - fast tot in die Kissen. Die urchige Berner Mundart von Gotthard Wyss kommt dem halb französischen Flair sehr entgegen. Der Mann gibt sich natürlich und scheint mit der Rolle auf du und du. Seit den Sommerferien sei er am Einstudieren seines Fachs gewesen, zusammen mit seiner Frau, wie Wyss sagt, die ihn abgehört habe.
Der Zuschauer bekommt dann wirklich geradezu etwas Mitleid mit dem zu Bedauernden in den Kissen. Er wird von den mit Krinolinen und Rüschen schön gewandeten Damen nicht nur geliebt. Doch falsche Gefühle und schlechte Ratschläge wenden sich in einem aussergewöhnlichen Finale zum Guten, das ist sich die Komödie schuldig. Und dies obwohl Argan mit den Worten Molières selber sagt: "De Molière isch en Esel".
Zöpfe wackeln, Locken glänzen, mit Bordüren geschmückte Kostüme werden zur Schau getragen: "De iipildeti Chranki" verspricht neben witziger Unterhaltung ein wahrer Augenschmaus für Theaterbegeisterte zu werden. Eine sorgfältig vorbereitete Bühne und ein motiviertes Team mit vielen fleissigen Händen im Hintergrund erwarten das Publikum.