September 98, Gossauer Info
Gossauer Bühne - immer wieder Theater
Nach einjähriger schöpferischer Pause meldet sich die Gossauer Bühne wieder zurück und startet am 22. Januar 1999 auf der Altrüti
mit der Komödie von Molière "Der eingebildete Kranke" voller Elan in die neue Gossauer Theatersaison.
Theater hat für viele Leute etwas Faszinierendes: Die "Bretter, die die Welt bedeuten", bringen einen weg vom Alltäglichen, lassen die Zuschauer für ein Weilchen ihre Sorgen vergessen, oder entführen sie in Traumtheaterwelten.
Nicht nur bei den grossen Profibühnen ist das so. Im nahen Umfeld sind es gerade die Laientheater, die ihr Publikum alljährlich wieder begeistern. Es sind die Anlässe, wo man sich trifft, miteinander redet, wo man den Nachbarn oder die Freundin einmal -bustäblich - in einer ganz anderen Rolle sehen kann.
Seit 16 Jahren ist das auch hier in Gossau so. Die Gossauer Bühne begeistert das Publikum und verhilft den Mitgliedern alljährlich zu viel Freude, viel Arbeit, Spannung und dem unbeschreiblichen "Kick" bei den Aufführungen. Eine Laienbühne im Dorf ist mehr als einfach Theater.
Gegründet wurde die Gossauer Bühne anlässlich eines unvergessenen Spaghettiessens im Jahr 1980. 21 theaterbegeisterte Personen nahmen die erste Produktion "Das Dorffest", unter der Regie von Fredi Muggli, in Angriff. Im Januar 1982 war es dann soweit:
die erste Produktion hatte im Löwensaal Premiere. Das Gossauer Publikum war so begeistert, dass die zwei geplanten Aufführungen nicht ausreichten, den Besucherstrom zu bewältigen. Im Laufe der Jahre ist die Mitgliederzahl konstant geblieben, von den Gründungsmitgliedern sind zwar nur noch zwei aktiv dabei,
aber auch heute können wir 20 Aktiv- und daneben 75 Passivmitglieder verzeichnen.
Bereits 15 Theaterstücke aufgeführt
Die Gossauer Bühne hat immer versucht, ihrem Publikum Abwechslung zu bieten. Sei es mit Kriminalstücken wie "Der Geisterzug" (1987) oder "Die Mausefalle" (1994), mit Lustspielen wie "Die missbrauchten Liebesbriefe" (1984) oder der Familiengeschichte
"Null Problem" (1993). Nicht zu vergessen die Komödien wie "Holzers Peepshow" (1995) und "Spilet wiiter" (1997). Insgesamt haben wir bisher 15 Theaterstücke auf die Bühne bringen können, die ersten Jahre im Löwensaal und seit 1991 in der Festhütte "Altrüti".
Bis ein Theaterstück "steht", braucht es einiges
Als schwierigster Teil der Produktion gestaltet sich häufig die Stückwahl; es ist gar nicht so einfach, ein ansprechendes und durch unsere Spieler besetzbares Theaterstück zu finden. Anhand der soeben angelaufenen Produktion "der eingebildete Kranke", einer Komödie von Moliere, lässt sich vielleicht am besten erklären,
wie ein Theaterstück entsteht. Im Juni gab es erste Leseproben, wobei die definitive Rollenvergabe stattfand. Jeder Spieler bekam sein Textbuch und hat nun bis Mitte August Zeit, sich mit seiner Rolle vertraut zu machen. Dann starten die Proben, bis zu den Herbstferien einmal pro Woche, wobei jeweils nur einzelne Szenen geprobt werden.
Es folgt ein intensives Probenwochenende Ende September, danach sollte jeder seinen Text auswendig können. Weiter geht es mit zwei wöchentlichen Proben. Ab Dezember werden jeweils ganze Akte geprobt. Nach kurzer Weihnachtspause folgt nochmals ein Probewochenende, wobei bereits das ganze Stück gespielt wird, und dann, ja dann setzt der Endspurt ein!
Die letzte Woche vor der Premiere gehört sozusagen nur der Theatergruppe: Kulissenaufbau, Einrichtung der Beleuchtung und Technik, die erste Probe mit fertigem Bühenenbild mit Kostümproben und Maske, eine Technikprobe, die Hautprobe und Generalprobe mit Publikum. Die Spannung vor der Premiere ist kaum beschreibbar, jeder versucht
seiner Nervosität auf andere Art Herr zu werden, der eine verkriecht sich in ein ruhiges Eckli, darf ja nicht gestört werden, während ein anderer seinen Text nochmals nachliest, obwohl er ja längst sitzt, und ein anderer wieder kann seinen Redeschwall kaum bändigen.
Der Vorhang geht auf, mit mehr oder weniger zittrigen Knien werden die ersten Passagen bewältigt - und dann läuft's. Die Spannung löst sich erst nach dem Schlussapplaus, ist aber bei der nächsten Vorstellung erneut wieder da, wenn auch vielleicht in etwas abgeschwächter Form.
Ja, aufwändig ist das Theaterspielen schon, aber in den Proben wird nicht nur intensiv geprobt, es wird auch viel gelacht und beim Höck danach auch die Geselligkeit gepflegt. Es ist faszinierend, unter der Leitung der Regie die Entwicklung des Stücks zu beobachten, wie aus dem vorliegenden, trockenen Text
die einzelnen Figuren zum Leben erwachen, die Szenen einen Sinn bekommen und zum Schluss ein fertiger, lebendiger Theaterabend auf der Bühne "steht". Nach der letzten Vorstellung im Februar und dem Bühnenabbau ist dann erst einmal Pause, wobei die meisten mit Entzugserscheinungen zu kämpfen haben, war man doch über längere Zeit eine festgefügte Gemeinschaft.
Nun keine Probe, keine Vorstellungen mehr..., die Leere wird etwas mit dem gemeinsamen Abschlussessen gefüllt.
Bisher habe ich nur von Spielern und Regie berichtet, doch es gehört noch wesentlich mehr dazu, um ein Theaterstück aufführen zu können. Das Modell des Bühnenbildes muss umgesetzt bzw. gebaut werden, wobei jeweils alle mithelfen. Es wird gesägt, geschraubt, gemalt, tapeziert und vieles mehr. Kostüme,
Perücken und Requisiten werden besorgt, das Programmheft muss gestaltet, das Plakat entworfen und die Inserate (die unser Programmheft finanzieren) müssen gesammelt werden.
Ein sehr aufwändiges Ressort ist auch unsere "Theaterbeiz" in der Altrüti, neben Verantwortlichen für Einkauf und reibungslosen Ablauf während der Vorstellungen, werden vor allem viele helfende Hände für Bar, Küche und Saal benötigt. Häufig stellen sich die PartnerInnen unserer Aktiven zur Verfügung, doch sind wir über jede Helferein und jeden Helfer sehr froh.
Neben der Theaterproduktion führen wir jährlich einen Hauskurs durch, wo wir unter fachkundiger Leitung unser spielerisches Können mit Improvisationenen, Atem- und Stimmübungen usw. erweitern. Der monatliche Höck, ein Ausflug oder gar ein Plauschwochenende runden die Aktivitäten ab. Dieses Jahr waren wir erstmals an der Gossauer Chilbi mit einer Theaterbeiz vertreten,
die vom Publikum rege besucht wurde und uns viel Spass bereitete.
Als kleiner Theaterverein stossen wir immer wieder an Grenzen des Machbaren, häufig fehlen SpielerInnen, aber vor allem auch HelferInnen hinter den Kulissen, um ein Projekt realisieren zu können. Wenn Sie, liebe LeserInnen, immer schon einmal - auch ausserhalb der eigenen vier Wände -
Theater spielen wollten, aber der Mut bisher noch fehlte, rufen sie einfach an, Sie sind jederzeit herzlich willkommen. Auch hinter den Kulissen!
von Helga Lütschg